Die 6. Oldenburger Filmtage


So, 22.November 1998, 20.00 Uhr, Cadillac
Film-und Medienbüro präsentiert:
Porträt: Trinh T.Minh-ha

A Tale of Love


USA 1995, 108 min, 16mm
Regie, Buch: Trinh T.Minh-ha
Kamera: Kathleen Beeler
Verleih: Freunde der dt. Kinemathek

Die vietnamesische Immigrantin Kieu lebt in Kalifornien im Haus ihrer Tante, einer alleinerziehenden Mutter und Sozialarbeiterin, und kämpft mit den Freuden und Anstrengungen ihrer eigenen Unabhängigkeit. Sie ist verliebt in die Liebe und stellt viele Fragen. In langen Gesprächen streiten sich Tante und Nichte um die Relevanz traditioneller Werte und die Vorteile des modernen Lebens. Kieu arbeitet als freie Autorin, verdient ihr Geld mit Veröffentlichungen bei einer Frauenzeitschrift, als Modell bei einem Fotografen und unterstützt finanziell ihre Familie in Vietnam.
Für die Frauenzeitschrift recherchiert sie ,Das Märchen der Kieu", ein vietnamesisches Liebesgedicht aus dem 19. Jahrhundert. Das Märchen erzählt das Schicksal der Märtyrerin Kieu, die sich, um in dem patriarchalen System zu überleben, für das Wohl ihrer Familie prostituiert. Die Autorin Kieu läßt sich auf eine Auseinandersetzung mit der Legende ihrer Namensgefährtin in dem Maße ein, daß sie zum auslösenden Moment für ein Überdenken ihrer eigenen Identität und zum Verbindungselement von Vergangenheit und Gegenwart wird.
Mit der Protagonistin des Films teilt die Filmemacherin das Sich-Berühren-Lassen. Das Liebesgedicht war für Trinh T. Minh-ha Ausgangsmaterial für den Film. Die Lesart des Gedichts erweitert Trinh, indem sie von den individuellen Konflikten der Frau Verbindungslinien zu den strukturellen Spannungen in Vietnam zieht. Für viele Vietnamesinnen und Vietnamesen Symbolisiert das Gedicht (3.254 Verse) die Geschichte ihres Landes. Die Frauengestalt personifiziert für sie den Prozeß der Assimilation Vietnams an die damals französische Kolonialmacht und steht gleichzeitig für die Ablehnung jeglicher Fremdherrschaft. Als ein weiteres strukturierendes Element durchzieht ein ausgestellter Voyeurismus den Film. Ein System der Blickrichtungen, das die voyeuristische Situation der ZuschauerIn miteinbezieht. Ein Spiel um das kalkulierende und projizierende Beobachten, um die Lust und das Unwohlsein des Beobachtetwerdens, um die Bewußtwerdung und Umkehrung der Macht des Blickes.
Die sich verzahnenden inhaltlichen Ebenen, die formale Strenge, die Vermeidung einer Psychologisierung der Charaktere, verbunden mit den intensiven Farben der Bildebene und einer dichten Klangkomposition, schaffen einen gleichermaßen abstrakten wie sinnlichen Raum, um über den Mythos der Liebesgeschichten nachzudenken. Kieu fragt: "Warum produziert unsere Gesellschaft ständig diese Art von Liebesgeschichten? Vielleicht weil so viele Liebesgeschichten ohne Liebe sind?"


Gegenlicht Kino AG, zur Filmtage Hauptseite, 1.Nov.98 by Bertram