So, 22.November 1998, 20.00 Uhr, Cadillac
Film-und Medienbüro präsentiert:
Porträt: Trinh T.Minh-ha
Die vietnamesische Immigrantin Kieu lebt in Kalifornien im Haus ihrer
Tante, einer alleinerziehenden Mutter und Sozialarbeiterin, und kämpft
mit den Freuden und Anstrengungen ihrer eigenen Unabhängigkeit. Sie ist
verliebt in die Liebe und stellt viele Fragen. In langen Gesprächen
streiten sich Tante und Nichte um die Relevanz traditioneller Werte und die
Vorteile des modernen Lebens. Kieu arbeitet als freie Autorin, verdient ihr
Geld mit Veröffentlichungen bei einer Frauenzeitschrift, als Modell bei
einem Fotografen und unterstützt finanziell ihre Familie in Vietnam.
Für die Frauenzeitschrift recherchiert sie ,Das Märchen der Kieu",
ein vietnamesisches Liebesgedicht aus dem 19. Jahrhundert. Das Märchen
erzählt das Schicksal der Märtyrerin Kieu, die sich, um in dem
patriarchalen System zu überleben, für das Wohl ihrer Familie
prostituiert. Die Autorin Kieu läßt sich auf eine
Auseinandersetzung mit der Legende ihrer Namensgefährtin in dem
Maße ein, daß sie zum auslösenden Moment für ein
Überdenken ihrer eigenen Identität und zum Verbindungselement von
Vergangenheit und Gegenwart wird.
Mit der Protagonistin des Films teilt die Filmemacherin das
Sich-Berühren-Lassen. Das Liebesgedicht war für Trinh T. Minh-ha
Ausgangsmaterial für den Film. Die Lesart des Gedichts erweitert Trinh,
indem sie von den individuellen Konflikten der Frau Verbindungslinien zu den
strukturellen Spannungen in Vietnam zieht. Für viele Vietnamesinnen und
Vietnamesen Symbolisiert das Gedicht (3.254 Verse) die Geschichte ihres
Landes. Die Frauengestalt personifiziert für sie den Prozeß der
Assimilation Vietnams an die damals französische Kolonialmacht und
steht gleichzeitig für die Ablehnung jeglicher Fremdherrschaft. Als ein
weiteres strukturierendes Element durchzieht ein ausgestellter Voyeurismus
den Film. Ein System der Blickrichtungen, das die voyeuristische Situation
der ZuschauerIn miteinbezieht. Ein Spiel um das kalkulierende und
projizierende Beobachten, um die Lust und das Unwohlsein des
Beobachtetwerdens, um die Bewußtwerdung und Umkehrung der Macht des
Blickes.
Die sich verzahnenden inhaltlichen Ebenen, die formale Strenge, die
Vermeidung einer Psychologisierung der Charaktere, verbunden mit den
intensiven Farben der Bildebene und einer dichten Klangkomposition, schaffen
einen gleichermaßen abstrakten wie sinnlichen Raum, um über den
Mythos der Liebesgeschichten nachzudenken. Kieu fragt: "Warum produziert
unsere Gesellschaft ständig diese Art von Liebesgeschichten? Vielleicht
weil so viele Liebesgeschichten ohne Liebe sind?"
Gegenlicht Kino AG, zur Filmtage Hauptseite, 1.Nov.98 by Bertram