Die 6. Oldenburger Filmtage


Die Erde ist blau wie eine Orange

"Was bin ich" war lange Zeit Favorit als Motto der 6. Oldenburger Filmtage. Für alle, die mit Robert Lembke groß geworden sind, bot dies durchaus vergnügliche Assoziationen. Dennoch wurde einigen von uns mulmig bei dem Gedanken, im November all überall mit dieser Frage vom Filmtageplakat konfrontiert zu sein. Beim diesjährigen inhaltlichen Schwerpunktthema "Identität(en)" geht es uns weniger um die individuelle Beantwortung der Frage nach dem Sein, als vielmehr um die Frage nach den Ursachen und Folgen von Identitätsbildung und Identitätspolitik. Wir haben uns dann für "die Erde ist blau wie eine Orange" entschieden. Ein Zitat aus dem Film "naked spaces" von Trinh T. Minh-Ha, der Filmemacherin, Schriftstellerin und Komponistin, der auch das diesjährige Porträt gewidmet ist. Tinh T. Minh-ha durchbricht in ihren Filmen und in ihren Texten sowohl inhaltlich als auch formal die gängigen Kategorien, ihr Buch "Woman, Native, Other" (Writing Postcoloniality and Feminism) fand lange keinen Verlag, weil es nicht eindeutig zuzuordnen war und auch ihre Filme sind nicht unter den gängigen Genres, wie Spielfilm, Dokumentarfilm oder Experimentalfilm zu fassen. Obwohl wir dieses Jahr schon am Donnerstag beginnen, mußten wir schmerzlich feststellen, daß eine Woche Filmtage viel zu kurz ist, um all das unterzubringen was wir spannend, wichtig und gut finden. Herausgekommen ist ein Programm, auf daß wir, auch wegen der vielen Gäste, gespannt sind.

Wie jedes Jahr haben die beteiligten Film-und Kinoinitiativen, RollenWechsel, Mobiles Kino Niedersachsen, Filmriß, Gegenlicht und das Film- und Medienbüro, ihr Programm unabhängig voneinander zusammengestellt. Übeer 70 Filme sind so zusammengekommen bei denen sich inhaltlich bestimmte Schwerpunkte herauskristallisiert haben. Zu den Filmen über Geschlechtsidentität haben wir gleich mehrere Gäste: unter anderem Michel Reiter, der/die geschlechtlich uneindeutig geboren wurde oder Ronja, Patty und Andy aus Hamburg, die alle drei transsexuell leben. Vor allem um türkische Jugendliche in der zweiten Generation geht es in dem Spielfilm ,Geschwister" und den beiden Dokumentarfilmen ,Eastsider" und ,Dikkat - Wir kommen!",wo ebenfalls FilmemacherInnen und SchauspielerInnen da sein werden. Zum Thema ,deutsche Identität" freuen wir uns über das Referat von U. Magdalena Vieten und auf die Filmemacherin Hito Steyerl. Am Mittwoch dreht sich alles um ,Black Culture, Black Identity und Black Politics", wobei wir durchaus die Frage nach der Bedeutung dieser Begriffe in der BRD stellen wollen. An diesem Tag haben wir auch Gäste, die mit Film auf den ersten Blick nicht viel zu tun haben: Die beiden ehemaligen Basketballprofis Henning Harnisch und Pat Elzie, sowie Dieter Wiene, der über die Verwendung des Begriffs "Black Music" erzählen wird und dazu ein paar Hörbeispiele einstreut.

Left Luggage, Shalosh Ahayot und Babenhausen 1997 sind drei Filme die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln dem Thema jüdische Identität, Verarbeitung der Shoa und der Kontinuität des Antisemitismus in der BRD nähern.

Wie jedes Jahr gibt es auch diesmal den Samstag Abend um 20 Uhr exklusiv für Frauen und Lesben im Alhambra von RollenWechsel; ebenfalls Samstag die Filmnacht im Cadillac. Sonntag das Kurzfilmfrühstück für Aufgebliebene und Ausgeschlafene im Cadillac und den Kinderfilmnachmittag von Filmriß im Alhambra: Montags der regionale Wettbewerb, in dem auch dieses Jahr wieder 1000 DM für die GewinnerInnen des Publikumspreises vergeben werden und vom 23.-27.11. Kino in der Schule, mit den Filmen des Kinderfilmnachmittages im Alhambra, organisiert vom Mobilen Kino Niedersachsen.

Neu ist der gemeinsame Beginn aller Gruppen am Donnerstag im PFL mit anschließender großer Eröffnungsparty im Alhambra. Organisiert wird die Party mit einigen Überraschungen von Gegenlicht. Die Gewinner des Publikumspreises zum regionalen Wettbewerb werden am Dienstag um 17.00 Uhr bekannt gegeben, anschließend wird der preisgekrönte Film noch einmal gezeigt. Zum Abschluß der Filmtage dann am Mittwoch abend die große Dub-Abschluß-Fete!

Das Programm der 6.Oldenburger Filmtage zeigt, daß es spannendes Kino jenseits von Hollywood gibt und daß "Independent" mehr bedeuten kann als immer schriller, bunter und sexistischer. Wir werden unsere Gäste garantiert nicht im VIP-Bereich vom gemeinen Volk trennen, statt dessen freuen wir uns auf die Diskussionen und den Austausch mit ihnen und dem Publikum.

Viel Spaß beim Lesen des Programmhefts und vor allen Dingen beim Besuch der Oldenburger Filmtage!!


Gegenlicht Kino AG, zur Filmtage Hauptseite, 1.Nov.98 by Bertram