Die 6. Oldenburger Filmtage


So, 22.November 1998, 16.00 Uhr, Cadillac
Film- und Medienbüro präsentiert:

U. Magdalena Vieten zum Thema deutsche Identität


"Ich weiß gar nicht, warum Menschen immer ihre Identität suchen müssen. Mir haben sie gesagt, wie ich heiße, das hat mir vollkommen gereicht."(1)
"Ich ist, wenn mein Hund mich kennt."(2)
"Seitdem ich denken kann, geht es immer um die Frage: Deutschland und das Ich. Unser Selbstbewußtsein."(3)

Das Film- und Medienbüro zeigt den Film 'Deutschland und das Ich' von Hito Steyerl. Diejenigen, die das Thema 'Identität' als persönliches Muß begreifen, ihm aber nicht die politische Brisanz zuerkennen können oder wollen, die es für eine Auseinandersetzung um rechtsgerichtete Politikkonzepte und der Produktion eines fiktiven Gemeinschaftsgefühls hat, werden vielleicht eh zu Hause bleiben. Für alle Interessierten gibt es jedoch noch zur Vertiefung des Themas die Gelegenheit, als Sonntag-nachmittagsvergnügen, einem Vortrag zu lauschen - und natürlich zu diskutieren - , der sich den Zusammenhängen zwischen nationaler Kulturprägung und Gewaltbereitschaft in Zeiten gesellschaftlichen Wandels in Deutschland widmet. Es handelt sich um einen assoziativen Streifzug durch die deutsche Geschichte seit Beginn des 19. Jahrhunderts bis zu neuen und neuesten Ereignissen. Die entscheidenden Fragen im Gepäck lauten: Ist (deutsche) Identität homogen oder heterogen konzipiert? Existieren Brüche und Veränderungen, die fortwährend abgespalten werden und nicht in eine komplexe, widersprüchliche Identität integriert werden dürfen? Sind gewaltfreie politische Wechsel und eine Kultur des gewalttätigen und gewaltbereiten Alltags miteinander zeitlich verschränkt und historisch gesehen symptomatisch für ein kollektives deutsches Ich? Charakteristisch für Identitätskonstrukte sind Formulierungen wie:'Ich und die Anderen'. Hier ist nach der Rollenverteilung zu fragen, denn nicht der 'Andere ist des Menschen Wolf', sondern das feige, ängstliche Ich hat oftmals eher die Rolle des lauernden und drohenden ES/Wolf. (Das Tier als 'dark sides', für die unkontrollierten, sich selbst unheimlichen Anteile des Menschen). Was haben individualpsychologische Kategorien mit dem angestrengten politischen Diskurs zu tun? Der Zusammenhang entsteht da, wo Begriffe Parallelen aufweisen; da, wo die vorgestellten Anderen die stigmatisierten und zur Gruppe zusammengefassten Fremden, die sog. AusländerInnen, MigrantInnen werden. Demgegenüber aber das Ich als Zentrum des vermeintlich bekannten als das heimelige, inländische phantasiert wird. Aber Zuhause sind wir nicht. Und die Frage ist erlaubt, warum es diese künstliche Zuhause geben soll. Heißt es nun Deutschland oder hieße es Europa. Nach der verfassungsrechtlich vorgegebenen deutsche Einheit haben wir nun das verfassungsrechtliche Ziel der Verwirklichung der europäischen Einheit. Einheit erscheint hier immer als Reinheitsgebot und Homogenitätsvorstellung; etwas das anvisiert ist, ohne zu klären, was der inhaltliche Sinn dieses Ziels denn ist. Wenn die grundlegenden Selbst- und Fremddefinitionen dieselben bleiben, lohnt es sich nicht, den alten Wein in neue Schläuche zu füllen. Ob sich das Problem der deutschen Identität mit der Zugehörigkeit zu einem europäischen Staatenbund auflösen wird, erscheint zweifelhaft. Maßgebend wird hier sicher die Entwicklung einer politischen Vision sein, die das traditionell völkische Element des deutschen Nationenbegriffs bewußt macht und anstrebt, es grundlegend zu überwinden, und zudem bereit ist, sozialistische Gerechtigkeitsvorstellungen aufzunehmen, die die Würde des einzelnen Menschen als ethischen Grundsatz nicht nur verankern, sondern auch materiell neugestalten. Und um mit einem Zitat von Stefan Heym zu enden: ,Es muß eine Weltordnung geschaffen werden...in der nicht mehr der Ellbogen, sondern der Kopf und das Herz die wichtigsten Organe des Menschen sein werden."(4) Neugierig geworden??? Dann freue ich mich auf Dein/Ihr/Euer Erscheinen... U. Magdalena

(1) Gad Granach
(2) Gertrude Stein
(3) Äußerung eines jungen Mannes bei einer Diskussionsveranstaltung, dokumentiert im Film von Hito Steyerl.
(4) Stefan Heym in einem Interview mit Marlies Menge, ZEIT v. 24.9.1998


Gegenlicht Kino AG, zur Filmtage Hauptseite, 1.Nov.98 by Bertram