Die 6. Oldenburger Filmtage


Identität


Trotz unseres verzweifelten, ewigen Versuches zu trennen, einzudämmen und zu flicken, sind Kategorien immer leck. Welche von all den Schichten , die die offene (nie endliche) Gesamtheit von "ich" bilden, soll als überflüssig, falsch und korrupt herausgefiltert werden und welche soll rein, wahr, wirklich, unverfälscht, ursprünglich und authentisch genannt werden? In der Tat, welche, wo sie doch alle miteinander in einem unendlichen Prozeß verbunden sind? (Abhängig von demKontext, in dem sie wirken, kann aus dem Überflüssigen das Wirkliche werden; das Authentische kann sich als gefälscht herausstellenund so weiter.) Authentizität als Notwendigkeit, sich auf einen ,unangefochtenen Ursprung" zu verlassen, fällt einer obsessiven Angst zum Opfer: der Angst, eine Verbindung zu verlieren.Alles muß zusammen halten. In meiner Sehnsucht nach einer Logik des Seins, müssen mir die Bedrohungen durch Unterbrechungen, Zerstreuungen und Aufschübe zwangsläufig zuwider sein." Tinh T. Minh-ha (Difference: A special third world women issue)

Identität kommt von identisch, Gleichsein. Die ,Identität" ganzer Gruppen von Menschen entspringt dem Dualismus der Herrscherideologie, die aufgrund ihrer androzentrischen, eurozentrischen, nationalistischen oder rassistischen Norm das ,Andere" definiert. Aus Sicht der weißen Norm gibt es die "Anderen", die unter sich alle "gleich" sind, nämlich nicht "weiß". Damit werden Schwarze zu einer Identität. Aus Sicht der Männer sind die Frauen das "Andere": "Die Frau", das "Weibliche" eine Gleichheit unter sich aufgrund des einzig relevanten Kriteriums der Norm Männlichkeit. Aus der Arroganz der nationalen Staatszugehörigkeit werden alle ohne den gleichen Paß zu den Fremden. Aus der Sicht meiner selbst, mit der ich vertraut bin, werden alle anderen überhaupt zu den Anderen. Denn der Maßstab für sie alle bin Ich. ... Die Macht zur Definition...zur Durchsetzung der jeweiligen Norm, beruht auf den strukturellen gesellschaftlichen Machtverhältnissen: der patriarchalen Vormacht der Männer über die Frauen, der Dominanz der Weißen über die Schwarzen und des Nordens über dem Süden, der Vorrechte von StaatsbürgerInnen innerhalb der Nation über alle ohne den gleichen Paß. ... Das Herausbilden eines politischen Identitätsbewußtseins hingegen ist ein Schritt der Politisierung und des Widerstands unterdrückter Gruppen im Kampf gegen diese Unterdrückung. Es erscheint historisch zur Zeit sich heranbildender Widerstandsbewegungen wie z.B. der ,Black Conciousness" Bewegung in der USA, der Frauenbefreiungsbewegung oder der GayLiberation Front, der englischsprachigen Lesben und Schwulenbewegung. Das heißt Identitätsbewußtsein ist Produkt und Mittel einer Befreiungspolitik, Identität ein (vorübergehender Kampfbegriff: Entgegnung auf die Diskriminierung und die Sicht der Norm. ,Identität in diesem Sinne umfaßt das Bewußtsein einer gemeinsamen Geschichte der Ausbeutung und der Unterdrückung, nicht die ,Gleichheit einer Gruppe von Menschen. Sinn und Zweck des politischen Identitätsbewußtseins ist nicht das Feiern einer gefundenen Identität, sondern die Überwindung der rassistischen, sexistischen, heterosexisitischen Identität und die Abschaffung aller Kriterien der Diskriminierung und Ausbeutung, sei es Rasse, Geschlecht oder sexuelle Orientierung. Identitätspolitik, d.h. Interessenpolitik aufgrund sog. Identitäten, ist die Entpolitisierung des Selbstbefreiungskampfes unterdrückter Gruppen. Mit der Identitätspolitik - Frauenpolitik statt feministischer Politik, Lesben-und Schwulenpolitik statt Anti-Heterosexismus-Politik, weibliche Kultur statt Patriarchatskritik - mit der Identitäts- und der ganzen "Differenzpolitik" also, die heute ihren Einzug hält, ist der politische Sinn der kollektiven Bildung eines "Identitätsbewußtseins" unterdrückter Gruppen verloren gegangen. ,Identität" ist zum psychologischen und kulturellen Begriff verkommen, dessen befreiungspolitische Bedeutung verloren gegangen ist." (Susanne Kappeler, Kofra 61, Dez./Jan 92/93).


Gegenlicht Kino AG, zur Filmtage Hauptseite, 1.Nov.98 by Bertram